{"id":171,"date":"2019-02-25T19:19:21","date_gmt":"2019-02-25T19:19:21","guid":{"rendered":"http:\/\/artig-anders.de\/?p=171"},"modified":"2020-05-12T14:59:39","modified_gmt":"2020-05-12T14:59:39","slug":"meine-depressionen-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artig-anders.de\/?p=171","title":{"rendered":"Meine Depressionen und ich -Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/artig-anders.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/4071785b-3de2-46c7-b2e0-8991d2c70c98.jpg?resize=269%2C358&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-109\" width=\"269\" height=\"358\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Bei mir kamen sie nicht pl\u00f6tzlich, sondern haben sich langsam \u00fcber gewisse Zeit immer weiter aufgebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Fakten zu meiner Vorgeschichte: <br>Mutter Alkoholikerin, Scheidung der Eltern im Alter von 12 Jahren, aufgewachsen beim Vater, Vater oft emotional abwesend, Mutter emotional und dann auch physisch abwesend, Krebsdiagnose &#8211; Mutter gestorben als ich 20 Jahre alt war. <\/p>\n\n\n\n<p>Das war grob gesprochen mein R\u00fcstzeug, mit dem ich auf die Welt losgelassen wurde. Trotz vieler unsch\u00f6ner Dinge in meiner Kindheit durch die Sucht meiner Mutter, versuchte ich dennoch ein sehr fr\u00f6hlicher Mensch zu sein. Doch ich vermied es, mich zu Hause aufzuhalten. Meine fr\u00fche Kindheit war gepr\u00e4gt durch Angst. Nicht zu wissen, was mich erwartet, wenn ich von der Schule nach Hause kam, war kein sch\u00f6ner Zustand.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann wurde meiner Mutter dann von ihrem Arbeitgeber in den Entzug &#8222;gezwungen&#8220;, sonst h\u00e4tte sie ihren Arbeitsplatz verloren. 3 Monate Kontaktsperre &#8211; ohne dass irgendwer gro\u00df mit mir dar\u00fcber gesprochen hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich 12 Jahre alt war, lie\u00dfen sich meine Eltern scheiden und ich musste vor dem Familienrichter im Beisein meiner Eltern sagen, bei wem ich bleiben m\u00f6chte. Es stand zwar fest, dass ich nat\u00fcrlich bei meinem Vater bleibe, doch es nochmal vor beiden aussprechen zu m\u00fcssen, zerriss mir damals fast das Herz. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Scheidung dann lernte ich meine Mama eigentlich erst so kennen. So, wie sie wirklich war. Liebevoll, f\u00fcrsorglich und sie wurde nach dem Entzug zu der Mama die ich mir immer so gew\u00fcnscht hatte. Mitten in der Pubert\u00e4t brauchte ich sie an meiner Seite. Wir waren zwar r\u00e4umlich getrennt, doch alle 4 Wochen fuhr ich sie besuchen und wir konnten immer telefonieren. <\/p>\n\n\n\n<p>7 Jahre lang hatten wir eine sehr sch\u00f6ne, liebevolle Beziehung zueinander. Bis sich pl\u00f6tzlich etwas sehr wesentliches ver\u00e4nderte. Die Telefonate ver\u00e4nderten sich, ihre Art war seltsam und sie log mich pl\u00f6tzlich an. Ich hatte zwar einen Verdacht, aber&#8230;das konnte nicht sein?!?<\/p>\n\n\n\n<p>Im September 1997 fuhr ich das erste Mal mit meinem damaligen Freund zu ihr zu Besuch. Irgendwas war seltsam, doch ich kam noch nicht drauf, was es war. Bis es mir den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegzog. Sie hatte wieder angefangen zu trinken. Ich war wie gel\u00e4hmt und wollte nur noch weg von ihr! Ich war so unendlich entt\u00e4uscht! Der Heimweg zog sich elendig lang hin, denn ich war so durcheinander, dass ich nicht mehr wusste wo ich lang musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann herrschte erstmal Funkstille. Bis Ende September die Diagnose Krebs kam. Und dann ging alles rasend schnell&#8230;Wie wenig \u00dcberlebenschance sie in Wirklichkeit hatte, war mir damals nicht bewusst. Ich hatte Hoffnung bis zum Schluss. Dann verstarb sie und meine kleine Welt brach v\u00f6llig zusammen. Pl\u00f6tzlich wurde mir bewusst, dass ich sie nie wieder sehen w\u00fcrde, nie wieder mit ihr sprechen k\u00f6nnte. Sie war einfach weg. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch lange danach tr\u00e4umte ich das ein oder andere Mal von ihr. In meinen Tr\u00e4umen war sie einfach nur weggezogen und ich wusste nicht wohin. Irgendwann fand ich heraus wohin und da stand sie wieder vor mir. Ich habe den Tod meiner Mutter nie wirklich verarbeitet, weil ich schon damals weiter funktionieren musste. Ich war im ersten Ausbildungsjahr, da konnte ich nicht lange ausfallen. Unterbewusst besch\u00e4ftigte mich das Ganze viele Jahre lang. <\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich damals umgekippt bin befand ich mich schon einige Zeit in einer Nagativspirale. Sehr lange Beziehung, die nicht mehr wirklich gl\u00fccklich war, jahrelange alleinige finanzielle Verantwortung, kaum R\u00fcckhalt, keine Familie in direkter Umgebung. Ich wurde Mama, doch ich konnte nicht zu Hause bleiben. Ich musste damals nach dem Mutterschutz direkt wieder arbeiten. Vollzeit! Ich war der Alleinverdiener!  Dadurch hatte ich enormen Druck! <br><br>2010 verlor ich pl\u00f6tzlich, nach einer Erk\u00e4ltung meinen kompletten Geruchssinn. Doch es wurde nie eine Ursache gefunden. Er blieb einfach weg. 4 verdammte Jahre lang! Was dies an Einbu\u00dfe an Lebensqualit\u00e4t bedeutet kann sich wahrscheinlich kaum jemand vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam 2012 die Trennung und nun stand ich da mit einer 2,5 J\u00e4hrigen und wusste zun\u00e4chst nicht, wo hinten und vorne ist. Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. <br><br>Ich konnte nicht mehr richtig schlafen, wurde st\u00e4ndig wach. Sobald ich wach war, ging die Birne an und ich war im Kopf schon immer 5 Schritte weiter, weil ich nicht wusste, wie ich das alles schaffen sollte. Ich war immer rastlos, obwohl ich stehend k.o. war. Abends habe ich mich mit irgendwelchem Quatsch im Fernsehn berieseln lassen, ohne wirklich etwas mitzukriegen und fiel oft schon auf dem Sofa in einen komat\u00f6sen Tiefschlaf. Bis ich mitten in der Nacht wach wurde und teilweise gar nicht wusste, wo ich bin. Panisch hechtete ich hoch, schleppte mich ins Bett und konnte dann nicht wieder einschlafen. Und so startete der neue Tag dann schon unausgeruht und schlecht gelaunt. Ein Teufelskreis! <\/p>\n\n\n\n<p>Die schwarze Maske nahm mich immer mehr in Besitz. Ich konnte nicht mehr f\u00fchlen, f\u00fchlte mich innerlich leer und ausgebrannt. Meine Augen waren traurig und mein Blick war getr\u00fcbt. Ich nahm positive Dinge nicht mal mehr wahr. Selbst der sch\u00f6nste Sonnenschein war f\u00fcr mich ein verschwommenes grau in grau. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man mich fragte, wie es mir geht, wollte niemand meine ehrliche Antwort h\u00f6ren und so wurde ich immer w\u00fctender! W\u00fctend auf mich und vor allem w\u00fctend auf diese ungerechte Welt! Ich stand total neben mir, und wurde durch das st\u00e4ndige Multitasking immer unzuverl\u00e4ssiger. Ich fing 5 Sachen gleichzeitig an und brachte kaum eine vern\u00fcnftig zu Ende. Die Fehler, vor allem auch auf der Arbeit h\u00e4uften sich&#8230; Ich war st\u00e4ndig auf der Flucht, so unbewusst, dass ich teilweise nicht mehr wusste, wie die Fahrt von der Arbeit nach Hause ablief. Bis ich das Ganze mir selbst gegen\u00fcber nicht mehr verantworten konnte. Eine Auseinandersetzung auf der Arbeit brachte dann das Fass f\u00fcr mich zum \u00dcberlaufen und so zog ich dann die Notbremse. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann war ich krankgeschrieben&#8230;Das erste Mal in meinem Leben stand auf der Arbeitsunf\u00e4higkeitsbescheinigung eine b\u00f6se F-Diagnose. Die F-Diagnosen beziehen sich bei den ICD-10 Schl\u00fcsseln auf psychische Erkrankungen. Und ich wusste, wie man in unserer Gesellschaft, gerade auch durch meine Arbeit, \u00fcber Menschen mit F-Diagnose denkt und hinterm R\u00fccken redet. Du wirst abgestempelt!!! Aber sowas von!<br><br>Ich bin mit dem Thema sehr offen umgegangen. Doch es war, als h\u00e4tte ich eine ansteckende Krankheit. Es konnte kaum jemand damit umgehen. Und Du bietest damit nat\u00fcrlich auch eine gewisse Angriffsfl\u00e4che.<br>Au\u00dfer bei zwei meiner besten Freundinnen stie\u00df ich damit \u00fcberwiegend auf Unverst\u00e4ndnis und Ablehnung. Heute wei\u00df ich auch warum.  Viele Menschen k\u00f6nnen bzw. wollen sich damit nicht besch\u00e4ftigen, weil es bedeuten w\u00fcrde, sie m\u00fcssen Gef\u00fchle zulassen. Doch das tut leider manchmal weh und deshalb wird es von vielen schlichtweg abgelehnt. Es k\u00f6nnte n\u00e4mlich passieren, dass bei einem selbst etwas \u00e4hnliches zu Tage kommt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Frage meines Vaters damals war, was denn mein Arbeitgeber dazu sagen w\u00fcrde? War mir in dem Moment ziemlich Latte, ehrlich gesagt! <br>Die geilste aller Fragen, die mir in dem Zusammenhang gestellt wurde, war: &#8230;ob ich denn dabei auch Fieber h\u00e4tte und schon mal beim Arzt war, damit er mir dagegen etwas verschreibt? Alter!!!!!! (Sorry!&#8230; Alter ist ein \u00dcberbleibsel aus meiner Jugend, dass ich mir leider nicht abgew\u00f6hnen kann und auch nicht m\u00f6chte!)<br><br>Eine weitere sch\u00f6ne Verurteilung des Ganzen ergab sich im erweiterten Familienkreis. Dort hie\u00df es, was wir denn immer alle h\u00e4tten? Burnout, sowas h\u00e4tte es zu seiner Zeit nicht gegeben. Das w\u00e4re doch nur wieder so eine Modeerscheinung. Doch dann wurde dieser jemand darauf hingewiesen, dass er doch selbst mit Ende 30 einen Herzinfarkt hatte. Das ist aber nat\u00fcrlich etwas v\u00f6llig anderes! Bei einem Herzinfarkt bekommst Du ja auch noch einen Orden f\u00fcr besondere Verdienste, weil Du ackerst wie ein Bl\u00f6der. Doch leider ist es nur ein Zeichen daf\u00fcr, dass diese Leute aber mal auch so gar nichts verstanden haben. Denn sie haben so lange die Anzeichen Ihres K\u00f6rpers ignoriert, bis er Ihnen gezeigt hat, wo es wirklich lang geht. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re diese Tatsache mehr Menschen bewusst, dann w\u00fcrde es Dinge, wie Herzinfarkt und Schlaganfall wesentlich seltener geben. Aber, &#8230;die meisten leben v\u00f6llig unbewusst und laufen einfach weiter in Ihrem Hamsterrad. Tag f\u00fcr Tag, Ihr Leben lang!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde damals oft als schwach bezeichnet, weil ich pl\u00f6tzlich halt nicht mehr so funktioniert habe, wie es alle von mir gewohnt waren. Rei\u00df Dich zusammen, stell Dich nicht so an, waren oft geh\u00f6rte S\u00e4tze. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist leicht gesagt, doch einfach mal kurz zusammenrei\u00dfen kannst Du Dich bei Depressionen nicht! Die Depressionen nehmen einfach Besitz von Dir ein, ob Du willst oder nicht! <\/p>\n\n\n\n<p>Das es jedoch ein hohes Ma\u00df an St\u00e4rke ben\u00f6tigt sich seiner  Erkrankung und damit seiner Vergangenheit zu stellen und diese aufzuarbeiten wurde nicht gesehen, geschweige denn verstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte sehr daran zu knabbern, dass mich meine Eltern in meiner damaligen Wahrnehmung anscheinend nicht so lieben konnten, wie ich war. Nie war ich gut genug. Wenn ich nicht gehorchte, entzog man mir die Aufmerksamkeit und Zuwendung. Ich f\u00fchlte mich so klein und ungeliebt, missverstanden und kaum beachtet. Niemand sah mich und meine W\u00fcnsche. Ich habe sehr viele Dinge schwer verurteilt und habe mich in Selbstmitleid verloren. Vor meiner Tochter versuchte ich mir das alles nicht anmerken zu lassen, doch das funktionierte nat\u00fcrlich nicht wirklich. <br>Bis ich eines Tages vorm Spiegel stand und in meine leeren Augen sah. Pl\u00f6tzlich hatte ich eine sehr harte Erkenntnis. Ich hatte meine Mutter sehr daf\u00fcr verurteilt, dass sie w\u00e4hrend ihrer Sucht kaum f\u00fcr mich da war. Sie war mit sich und ihrer Krankheit zu sehr besch\u00e4ftigt. Und dann sah ich mich. Was tat ich denn bitte gerade meiner Tochter an? Ich habe zwar nicht getrunken, doch ich war auch nicht richtig f\u00fcr sie da. Ich war ebenfalls emotional oft abwesend und konnte ihr nicht in dem Ma\u00dfe die Aufmerksamkeit geben, wie es Kinder in Ihrem Alter ben\u00f6tigen. <\/p>\n\n\n\n<p>An dem Tag fiel dann mein Entschluss zur Reha zu fahren &#8211; f\u00fcr mich und meine Tochter. <\/p>\n\n\n\n<p>Fortsetzung folgt&#8230;<br><br>Euer FrlCori<\/p>\n\n\n<p><!--EndFragment--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei mir kamen sie nicht pl\u00f6tzlich, sondern haben sich langsam \u00fcber gewisse Zeit immer weiter aufgebaut. 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