{"id":302,"date":"2019-04-24T06:36:54","date_gmt":"2019-04-24T06:36:54","guid":{"rendered":"http:\/\/artig-anders.de\/?p=302"},"modified":"2021-08-21T18:06:44","modified_gmt":"2021-08-21T18:06:44","slug":"wenn-worte-meine-sprache-waeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artig-anders.de\/?p=302","title":{"rendered":"Wenn Worte meine Sprache w\u00e4ren"},"content":{"rendered":"\n<p>Mein damaliger Tutor beim Abi meinte mal zu mir: Frl., Sie sind ein schriftlicher Zwerg und ein m\u00fcndlicher Riese! Zu meiner Abi-Zeit war das tats\u00e4chlich so. Meine Noten waren eher Durchschnitt und ich erf\u00fcllte mal gerade das schriftliche Soll. M\u00fcndlich konnte ich meine Noten aber immer wieder rausrei\u00dfen. Ich habe schon immer viel gesprochen &#8211; normal f\u00fcr mich als Frau!<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Sturm-und Drangzeit habe ich auch selten ein Blatt vor den Mund genommen. Bis heute sage ich, was ich denke! Nur mit mehr Bedacht und artig-anders!<\/p>\n\n\n\n<p>So als Frau hat man am Tag sehr viele Worte zur Verf\u00fcgung, die alle gesprochen werden wollen. Nur was, wenn sie diese nicht mehr los wird? Wenn keiner da ist, der sie h\u00f6ren will?  <\/p>\n\n\n\n<p>Bei mir wurde dieses Sinnbild von dem m\u00fcndlichen Riesen und dem schriftlichen Zwerg irgendwann im Laufe der Jahre ein wenig umgekehrt. Zwar spreche ich immer noch und auch nicht gerade wenig, doch ich stelle immer wieder fest, dass das gesprochene Wort bei vielen nicht mehr so viel z\u00e4hlt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit meinem damaligen Freund war ich bereits mehrere Jahre zusammen und wir hatten schon einige H\u00f6hen und Tiefen hinter uns. Irgendwann waren die Verstrickungen zwischen uns so gro\u00df, dass die gesprochenen Worte immer eher zu Streit f\u00fchrten und so wurde ich immer leiser.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Beruflich telefoniere ich jeden Tag sehr viel. Dabei kommt es darauf an, den Sachverhalt schnell zu erfassen, zu entscheiden und die Gesetzeslage richtig und verst\u00e4ndlich zu erl\u00e4utern. Das mache ich gerne und hier versuche ich immer den Schulterschluss mit dem Kunden zu erreichen, was mir meistens auch gelingt. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Privaten hat dies jedoch dazu gef\u00fchrt, dass ich selten bis gar nicht mehr telefoniere. Wenn mich Freundinnen anrufen, kann ich leider nicht wesentlich l\u00e4nger als 10 Minuten zuh\u00f6ren, dann schaltet sich mein Hirn aus. Overloaded!<\/p>\n\n\n\n<p>Andere wiederum bevorzugen immer noch das pers\u00f6nliche Gespr\u00e4ch. Ja, tats\u00e4chlich! Das gibt es noch im digitalen Zeitalter. Oder auch gerade deshalb!?! Ich bin mittlerweile soweit, dass ich meine h\u00e4ufigsten Gespr\u00e4chspartner frage, welches ihr bevorzugter Kanal ist, damit es auch gut funktioniert mit der Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ist Euch schon mal aufgefallen, dass heute kaum noch jemand richtig zuh\u00f6rt? Mir wurde das besonders deutlich in Bezug auf meine Tochter. Als sie so 4-5 Jahre alt war quatschte sie nat\u00fcrlich andauernd dazwischen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und so, wie wir es alle irgendwann mal beigebracht bekommen haben, haben wir ihr auch erkl\u00e4rt, dass man das nicht macht. Auch von au\u00dfen kam \u00f6fter mal die Bemerkung, dass man doch Erwachsene nicht unterbricht. Verstanden hatte sie das zwar, aber es passierte nat\u00fcrlich immer wieder. Irgendwann habe ich meine Tochter dann mal gefragt, weshalb sie sich nicht daran h\u00e4lt? Und, was soll ich sagen? Ihre Antwort traf es genau auf den Punkt. Weil die Erwachsenen sich gegenseitig doch auch nicht ausreden lassen! Und damit hatte sie vollkommen Recht! <\/p>\n\n\n\n<p>Ab diesem Zeitpunkt habe ich das f\u00fcr mich mal beobachtet. Und es ist tats\u00e4chlich so. Viele fallen sich st\u00e4ndig gegenseitig ins Wort. Das ist teilweise echt erschreckend! Wie kann ich dann von einem Kind erwarten, dass es sich anders verh\u00e4lt? <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist es eine Frage von Bewusstsein. Vielen Erwachsenen ist diese Tatsache \u00fcberhaupt nicht bewusst. Sie hinterfragen sich hier auch nicht. Oft l\u00e4uft es leider so, dass die Erwachsenen richtiges Verhalten erwarten, aber gar nicht merken, dass sie es selbst nicht besser machen. Was wir jedoch vergessen ist, dass wir die Vorbilder unserer Kinder sind und Sie uns hier nur den Spiegel vorhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch diese Erkenntnis bin ich bei Erwachsenen mittlerweile sogar relativ schnell entnervt, wenn das passiert. Auch beruflich erlebe ich das sehr h\u00e4ufig bei meinen Kunden. Bei meinen Kunden, wo ich auch viel mit Beschwerden zu tun habe, war es fr\u00fcher teilweise so schlimm, dass sobald mir jemand ins Wort fiel, das Gespr\u00e4ch kaum mehr eine vern\u00fcnftige Basis hatte. Ich merkte sofort, wie dann postwendend Wut in mir aufstieg. Und in dem Moment kannst Du dann selbst auch kaum noch vern\u00fcnftig darauf reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Beruflich durfte ich dann vor 2 Jahren ein Seminar besuchen  welches sich genau auf diese Problematik bezog. Umgang mit schwierigen Beschwerdegespr\u00e4chen. Und dieses Seminar war so kostbar! Bis heute sind die Erkenntnisse daraus f\u00fcr mich so wunderbar hilfreich, dass ich f\u00fcr mich solche Eskalationen auf ein Minimum reduzieren konnte. Auch hier spielt der psychologische Aspekt eine wesentliche Rolle. Bei Beschwerden ruft der Kunde zumeist gefangen in seiner negativen Emotion (w\u00fctend \u00fcber einen negativen Bescheid) bei uns an und filtert nicht. Wenn man daf\u00fcr Verst\u00e4ndnis aufbringt und unterscheidet, dass sich die Beschwerde nicht an Dich pers\u00f6nlich richtet, kannst Du ganz anders damit umgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein diese kleine Erkenntnis sorgt zumindest bei mir daf\u00fcr, dass ich in den Beschwerden keinen pers\u00f6nlichen Angriff mehr sehe. Mein pers\u00f6nlicher Trigger war und ist hier das <strong>ins Wort fallen<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Seminar bin ich mir dessen bewusst geworden und mittlerweile lasse ich die sogenannten Motzer am Telefon erstmal reden. Ich selbst schweige, solange, bis es demjenigen auff\u00e4llt. <\/p>\n\n\n\n<p>Worte haben eine unglaubliche Macht. Sie k\u00f6nnen ber\u00fchren, aber auch sehr verletzen. Und am meisten verletzen k\u00f6nnen uns diejenigen, die uns am n\u00e4chsten stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch diese Dinge bin ich selbst wieder mehr zum Schriftlichen zur\u00fcckgekehrt. In dem Moment, wo ich etwas schriftlich formuliere mache ich mir Gedanken \u00fcber das was und wie und formuliere es vern\u00fcnftig &#8211; im Normalfall. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch, wenn ich mich auf wichtige Gespr\u00e4che vorbereite, merke ich f\u00fcr mich mittlerweile, dass es hilfreich ist, es kurz schriftlich zu fixieren. Das ist dann wie mein roter Faden, an dem ich mich orientieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele verstecken sich auch mittlerweile hinter der Anonymit\u00e4t des worldwideweb. Wenn ich manchmal Kommentare oder Rezessionen lese frage ich mich, ob dieser jemand im echten Leben auch den Arsch dazu in der Hose h\u00e4tte, sich pers\u00f6nlich so zu \u00e4u\u00dfern?<\/p>\n\n\n\n<p>Sicherlich fragt ihr Euch, weshalb ich mir \u00fcber diese Dinge so viele Gedanken mache? Andere tun dies schlie\u00dflich auch nicht, sondern sind einfach so wie sie sind. Viele haben gar keine Lust sich damit auseinander zu setzen, welche Wirkung ihre Worte auf andere haben. Sie wundern sich dann h\u00e4ufig nur, wenn der Gespr\u00e4chspartner anders reagiert als vielleicht erwartet. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein halbes Leben habe ich ebenfalls so verbracht, doch das f\u00fchrte oft zu Streit und Missverst\u00e4ndnissen. Da ich die Menschen um mich herum aber nicht \u00e4ndern werde, kann ich nur selbst \u00fcberlegen, was ich \u00e4ndern kann. Denn Ver\u00e4nderung beginnt immer bei Dir selbst!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krux an der Kommunikation heutzutage ist h\u00e4ufig, dass die meisten sich in Vorw\u00fcrfen formulieren. Das bewirkt sofort, dass Dein Gegen\u00fcber in eine Abwehrhaltung geht. Ich habe das sehr lange mit meinem Ex und auch meinem Vater so praktiziert. Sobald einer etwas sagte, drohte es sofort zu eskalieren, weil es jedes Mal als Angriff r\u00fcber kam. Somit war \u00fcberhaupt kein vern\u00fcnftiges Gespr\u00e4ch mehr m\u00f6glich. Im Rahmen der Verhaltenstherapie wurden mir damals in der Reha hier einige wertvolle Anregungen mit auf den Weg gegeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Bleibe in der Formulieren bei Dir selbst. Nicht Du hast, Du solltest oder Du musst! M\u00fcssen schon mal gar nicht, denn&#8230;einen Schei\u00df muss ich! Wenn man Formulierungen wie: Ich m\u00f6chte, ich w\u00fcnsche mir, ich f\u00fchle mich&#8230;verwendet, bleibt man bei sich und greift sein Gegen\u00fcber nicht an. Somit bietet man dem anderen keine Angriffsfl\u00e4che. Dieses Umdenken im Formulieren funktioniert nat\u00fcrlich nicht von heute auf morgen, sondern man kann nur versuchen, es f\u00fcr sich selbst immer wieder bewusst wahrzunehmen und dann \u00fcber eine gewisse Zeit zu erlernen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe diese Sache f\u00fcr mich umgestellt und merke im Gegensatz zu fr\u00fcher, dass meine Worte eine komplett andere Wirkung auf mein Gegen\u00fcber haben. Es kommt zu weniger Auseinandersetzungen und ich erreiche dadurch mehr. Ich lenke die Dinge durch meine Wortwahl in eine positive Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00f6se Stimmen werden nun behaupten, dass man diese F\u00e4higkeit auch manipulativ nutzen kann. Und mit Sicherheit wird es einige geben, die das auch tun. Aber glaubt mir, nur wenn das Gesprochene auch von Herzen kommt und man es auch wirklich so meint, wird es auch so angenommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sollte man diese Dinge manipulativ verwenden, bin ich mir sicher, dass man nach k\u00fcrzester Zeit dahintersteigt. Denn es ist dann nicht authentisch!<\/p>\n\n\n\n<p>Warum mache ich mir also so viele Gedanken? Setze so viel Energie in das Umdenken in diesen Bereichen? Warum soll ich mich \u00e4ndern, wenn es sonst auch keiner f\u00fcr mich tut? Weil es sich lohnt! Und nur weil alle anderen es nicht machen, ist es vielleicht auch gerade das, was mich anspornt. Alle anderen machen es doch auch so oder so&#8230; Das ist f\u00fcr mich so ein Satz, den hasse ich wie die Pest!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin nicht wie alle anderen! Ich bin anders! Artig-anders eben!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein damaliger Tutor beim Abi meinte mal zu mir: Frl., Sie sind ein schriftlicher Zwerg und ein m\u00fcndlicher Riese! 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